ca.1985 Körperkult und Lifestyle

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 Die neue Frau
 
Die Annabelle porträtiert weiterhin in der Tradition der 70er Jahre relativ "durchschnittliche" Frauen mit einem gesunden Realitätssinn, die sich nicht völlig über ihre Rolle als Haus- und Ehefrauen definieren. Diese Texte zeigen, dass sich die Realität im Vergleich mit den glatten, am materiellen orientierten Lyfestylekonzepten, wie sie etwa in der Schweizer Illustrierten immer deutlicher hervortreten, weitaus komplexer ausnimmt. Die Hausfrau, die 1985 unter dem Titel "Ich kann wieder atmen" ihre Geschichte in der Frauenzeitschrift erzählt, versucht ihre persönliche Situation, die sich nicht durch Sensationen auszeichnet zu verbessern, indem sie Versatzstücke von alternativen Lebensentwürfen, wie sie in den 70er Jahren propagiert wurden, integriert. Zu dieser Zeit hat sie noch als Telefonistin gearbeitet, um ihren Mann, der damals noch Student war, finanziell zu unterstützen. Damit sich dieser später ganz auf seine Karriere konzentrieren konnte, hat sie sich ganz in den Haushalt zurückgezogen. Mit ihrer grossen Familie, materiellem Wohlstand und einem Eigenheim glaubte sie, alles erreicht zu haben. Aus der Isolation, in die sie nach und nach geriet, fand sie erst allmählich durch eine Psychotherapie, das Engagement im Vorstand eines Frauenvereins und verschiedenen Kursen heraus. Nun plant sie, wenn die Kinder gross sind, noch einen Beruf zu erlernen. Arbeitsteilung im Haushalt fände sie dazu eine ideale Voraussetzung.

Das Glück: Vier Kinder und ein Haus

Welch immensen Wandel das Annabelle-Leitbild in den letzten Jahrzehnten durchmachte, zeigt der Vergleich mit einem Artikel von 1959. Unter dem Titel: "Das Glück: Vier Kinder und ein Haus" berichtete die Zeitschrift ber den Tagesablauf einer modernen Hausfrau. Die "mädchenhafte Frau Claire, die zehn Jahre jünger wirkt als ihre 30 Jahre", beginnt ihren Tag vor 6 Uhr früh mit der Morgentoilette. Ein 15 Stunden umfassender, durchdachter Plan, der sie vom Morgenschoppen für die Kleinste bis zum letzten Abwasch leitet, hilft ihr, das Tagwerk zu vollbringen. Neben diesem Stundenplan verr„t die Annabelle ein Tortenrezept der mustergültigen Hausfrau. Mit Fotos dokumentiert wird ausserdem "ein Korb guter Ideen" von Frau Claire pr„sentiert: Die Bastelanleitung für das Puppenspiel, originelle Wandbehänge sowie das vom Mann zusammengestellte Konfitürengestell im Keller. Der Artikel endet sinngemäss am späten Abend. Um 22 Uhr reserviert sich Frau Claire trotz Müdigkeit noch eine halbe Stunde für ihren Mann, den Direktor einer Reklamefirma. "Erlebnisse des Tages werden ausgetauscht, gemeinsame Probleme besprochen. Nachher husch, husch ins Körbchen."
Das "moderne" Element dieses Hausfrauen-Leitbildes ist, dass die Gattin eine Art Coach ihres Ehemannes ist. Ihre Persönlichkeit kann sie also durchaus einbringen. Andererseits bleibt sie durch ihre Rolle als vorbildliche Hausfrau und Mutter in der Selbstverwirklichung eingeschränkt.