ab 1998 Exotik des Normalen |
Die zunehmende Wirklichkeit des Scheins Verglichen mit Joop (im Frühling 2000) |
| Der Prospekt von 1998 spielt am Strand. Der Hintergrund ist immer sehr hell und meistens unscharf und nur andeutungsweise erkennbar. Das gediegen aufgemachte Heft mit den 18 "Schnappschüssen" lässt sich als Fotoroman um vier junge Leute, zwei Frauen und zwei Männer, lesen. Bewegungsunschärfen erwecken den Eindruck von Schnappschüssen fürs private Fotoalbum. Alles wirkt viel natürlicher als auf dem bereits beschriebenen "Ferienprospekt". Jede Seite mit einem Foto. Eines der Bilder nimmt gar eine ganze Doppelseite ein. Langsame und schnelle Bilder. Klare, regelmässige Schnitte, wie bei einem Video auf MTV. Die Bilder würden auch in die Titelgeschichte der Annabelle von 1993 passen, die dem "Megatrend Wasser" gewidmet ist. Das "Lebensgefühl Wasser", wird darin beschrieben, liege als "moderne, vitalisierende Lebensphilosophie", die sich in Wassertherapien, Heilbädern oder dem "Zeitgeistgetränk Mineralwasser" niederschlägt, voll im Trend. Die Zeitgeistpostille Cashual bezeichnet das fliessende Lebensgefühl 1998 mit dem Begriff "Flow", dem sie ebenfalls eine Titelgeschichte widmet. "Wenn wir in Flow sind, werden wir Teil jenes Energiestroms, der zu höheren Intensitäten des Bewusstseins führt," heisst wird das Unfassbare hier leicht esotherisch beschrieben. In der Calida-Werbung äussern sich der Trend zum Wasser, wenn es denn einer ist, vor allem im Motiv der Frau am Strand, vorzugsweise im Wasser. Wahrscheinlich eines der ältesten Werbemotive überhaupt. Manche Wissenschaftler greifen dabei auf Homer und seine Kirke zurück, um dieses heute noch wirksames "Urbild der Gestaltung des Weiblichen als Wasserwesen" zu erklären. Der Strand steht für den fliessenden Übergang vom Land zum Meer, welches das Wilde, Unbegrenzte symbolisiert. Dieses Urbild basiert auf dem Bild der üppigen Strandschönheit, die in den 60er Jahren etwa durch Ursi Andress verkörpert wurde und in den 90ern durch Pamela Anderson. Einfach Körperkult oder ein wenig Psycho ? Was sie auszeichnet, ist ihr Blick und ihre Haltung, mit der sie signalisieren, den Durchblick zu haben. Eine Coolness, die sich aus dem Zusammenspiel von Freiheit und Selbstdisziplin nährt. Ulf Poschhard sieht in diesem Zusammenwirken, aus dem die absolute Eigenverantwortung und Unabhängigkeit folgen, einen entscheidenden Faktor für Lifestyle-Konzepte. Modernes Clanning, Wellness und eine persönliche Ökologie Worin besteht nun also dieses Unsichtbare, das nicht mehr durchgängig von der gelben Farbe illustriert wird, wie in früheren Jahrzehnten ? Die Prospekte der späten 90er Jahre betonen die Beziehungs- und Gefhlsebene. Lachen, Verliebtheit und auch so etwas wie Melancholie kommen vor. Abenteurer auf Weltreise Die Forderung der Jugendlichen aus dem BrainStore, Abenteurer auf Weltreise zu zeigen, wird mit den Prospekten der ausgehenden 90er-Jahre schon irgendwie erfüllt. Auf jeden Fall ist eine solche Lesart bei praktisch allen möglich. Wo in den 70er-Jahren mit gemütlichen Sofas und flauschigen Teppichen Privaträume inszeniert wurden, spielt sich nun fast alles draussen ab. Innenräume werden nur angedeutet und sind von Naturlicht durchflutet. Zeichen, die auf Privatr„ume hinweisen fehlen völlig. Dominant sind die ins Unendliche strebenden Elemente Wasser und Luft. Natürlichkeit wird auch durch die Models vermittelt, die neben der Qualitätswäsche weder Piercings noch anderen Schmuck oder Uhren am Körper tragen. Technische Geräte kommen sowieso nicht vor. Auf den meisten Bildern ist die Wäsche das einzige deutliche Zeichen von Zivilisation. |